Train the Trainer Seminar mit IM Roman Vidonyak und GM Josif Dorfman

Zwischen Juli und August fand in München die Train the Trainer Fortbildung mit IM Roman Vidonyak und GM Josif Dorfman statt. Als B-Trainer des DSB habe ich mir natürlich nicht die Chance entgehen lassen und bin der Einladung gefolgt. Mit einer Koryphäe wie GM Josif Dorfman, welcher sogar Trainer von keinem Geringeren als Garry Kasparov war, hat man es schließlich nicht jeden Tag zu tun.

Ganz nebenbei konnte ich mit diesem Seminar auch meine B-Trainer-Lizenz verlängern. Hierzu muss man alle Jahre eine entsprechende Fortbildung absolvieren.

IM Roman Vidonyak führte mit gewohnter Routine durch den Lehrgang und gab allen Teilnehmern wertvolle Tipps fürs Schachtraining. Manchem Teilnehmer war allerdings die Zielsetzung des Kurses offensichtlich nicht klar. So wurde ein paarmal gequengelt, dass Roman doch mehr praktische Übungs-Beispiele zum Grübeln zeigen solle.

Meiner Meinung nach fand Roman eine gute Mischung aus praktischem Training und nützlichem Aufbau von Trainings-Stunden. Ganz im Fokus war hier die Schachmethode von Josif Dorfmann. Diese wurde im Detail erklärt und wurde von allen Teilnehmern dankbar angenommen.

Roman Vidonyak

Einen Tag vor Abschluss des Seminars stieß dann auch der Stargast GM Josif Dorfman in unsere Runde. Hier wurde das bereits Gelernte abgefragt und anhand von beliebigen Stellungen zeigte Dorfman anhand seiner Schachmethode, wie die einzelnen Stellungen zu bewerten sind.

Etwas irritierend fand ich, dass Dorfman zu Beginn sagte, dass diese ganzen Computerbewertungen einen Schachspieler nicht voran bringen, da Computer nicht in der Lage sind, Stellungen verbal und methodisch zu erklären. Hier hat er natürlich absolut recht. Problematisch fand ich aber, dass während dem Besprechen von einzelnen Stellungen dann doch noch eine Engine hinzugeschalten wurde und sowohl Dorfman, als auch Vidonyak um die Wette schätzten, wie denn wohl die Bewertung der Engine ausfallen würde. Hier griff Roman auf die Chessbase-Engine-Cloud zu, in welcher Privatpersonen gegen Entgelt Engines auf High-End-Hardware bereitstellen.

Josif Dorfman

Romans Favorit war die neuste Stockfish-Engine, welche auf 42 Kernen ihren Dienst verrichtete. Anmerken muss ich hierbei, dass sowohl Roman und auch Josif dem Irrglauben unterliegen, dass es sich hierbei um einen Computer mit 42 Prozessoren handelt. 🙂 Aber 42 Kerne ist ja auch schon eine ordentliche Menge Holz. Eine weitere, von mir nicht geteilte Meinung von Roman und Josif ist, dass eine Stellung von einer Engine mindestens 30 bis 35 Halbzüge Tief berechnet werden muss, um eine halbwegs gute Stellungsbewertung in Bauerneinheiten zu erhalten.

Ich habe zu diesem Irrglauben bereits einige Abhandlungen geschrieben und möchte diesen kalten Kaffee nicht unbedingt erneut aufwärmen. Fakt ist einfach, dass Engines es bei der Anzeige der Suchtiefe nicht immer sehr genau nehmen. Bestes Beispiel ist die Engine Rybka, welche die echte Suchtiefe absichtlich verschleiert und eine viel geringere Suchtiefe anzeigt, als es in Wirklichkeit der Fall ist.

Gleichzeitig ist es auch nicht so, dass eine hohe Suchtiefe bessere Ergebnisse anzeigt. Bereits im Suchtiefenbereich von ~20 Halbzügen legt sich eine Engine ziemlich schnell fest mit der Stellungsbewertung. Eine drastische Veränderung wird man bei Suchtiefe 30 in der Praxis so gut wie nie finden. Deswegen sind Suchtiefen im 20er-Bereich mit Stockfish vollkommen ausreichend um eine zuverlässige Stellungsbewertung zu erhalten.

Dorfman konnte die unterschiedlichen Stellungen recht gut einschätzen und fand auch immer passende Fortsetzungen. War die Engine mal nicht seiner Meinung, lag es laut Roman und Josif daran, dass die Engine offenbar nicht tief genug gerechnet hat. 😉

Allerdings muss ich auch sagen, dass die Fortsetzungen die Dorfman wählte immer ziemlich gut waren. Hier konnte man sehr schön sehen, dass dieser Großmeister ein absolut faszinierendes Stellungsverständnis besitzt. Es gab allerdings auch ein paar Aussetzer. In einer Partie, welche ich vor einigen Monaten gegen den starken Spieler Sven Szaleva mit den weißen Steinen spielte, kam es zu folgender Stellung:

Hier sah Dorfman den Schwarzen klar im Vorteil und zeigte Varianten, in welchen Weiß direkt die große Rochade ausführte. Richtig angetan war er von der weißen (meiner) Stellung nicht. Eher beiläufig merkte er an, dass ihm der Bauer auf g4 recht komisch vorkommt. Hier zeigte sich wieder einmal sein geniales Stellungsverständnis. Er wusste nicht, dass ich mit Weiß einen Londoner gegen Sven spielte und genau dieser Bauernzug nach g4 passte nicht ganz so zur gespielten Eröffnungs-Variante. Ich selbst fand meine Stellung nicht übel und auch der Bauer auf g4 machte mir keine Sorgen. Ich konnte einige Züge später diese Stellung in ein gewonnenes Leichtfiguren-Endspiel abwickeln, aber mit nur noch ein paar Minuten auf der Uhr war die Gewinnführung nicht ganz so trivial, weshalb ich Sven Remis angeboten habe, was er auch dankend annahm.

Aber zurück zu Dorfman. Nachdem er sich also für einen schwarzen Vorteil in Höhe von etwa -0,8 Bauereinheiten entschieden hat, wurde die Engine angeworfen. Diese zeigte tatsächlich eine Bewertung von 0.02Bauerneinheiten an. Natürlich lag das an der geringen Suchtiefe, aber mit jedem Halbzug mehr Suchtiefe änderte sich nichts an der Bewertung. Recht witzig war, dass die Engine nicht dem Pfad von Dorfman folgte und die lange Rochade ausführte, sondern sich für meinen Partiezug Lg3 entschieden hat. Auch die nächsten Partiezüge von Weiß waren die erste Wahl der Stockfish-Engine. Hier meinte Dorfman, dass Weiß wohl schon vor dieser Stellung einen Fehler gemacht hat, dass so ein Zug wie Läufer g3 notwendig ist und die Engine diesen vorschlägt.

Dorfmans Klasse ist unbestritten, jedoch habe ich sowohl in meiner gezeigten Stellung, als auch in einigen anderen Stellungen die Objektivität vermisst. Sobald sich Dorfman für eine Seite (Schwarz oder Weiß) festgelegt hat, wurden nur noch die Vorteile dieser Seite ins Auge gefasst. Eventuelle Chancen der anderen Seite wurden nicht im Ansatz in Betracht gezogen. Diese Unausgewogenheit in der Stellungsbewertung könnte man nun Ignoranz nennen, aber ich denke das Dorfman einfach viel mehr aus einer Stellung lesen kann als ich es jemals können werde und er einfach mehr praktische Chancen für Schwarz gesehen hat als Stockfish und ich.

Josif Dorfman

Mit einem Seitenhieb ging es dann auch schon direkt zur nächsten Stellung, welche laut Dorfman viel interessanter sei, als die Vorherige (meine Stellung). Ganz in seinem Element prüfte Dorfman die Stellungsmerkmale anhand seiner Schachmethode und zeigte ziemlich interessante Varianten. Nach etwa 10 Minuten machte dann allerdings ein Teilnehmer darauf aufmerksam, dass man auf eine Bewertung der gezeigten Stellung nach der Schachmethode verzichten kann, da Weiß forciert 4 Bauern für eine Figur gewinnen kann. Nun fiel es auch Dorfman sofort auf, womit das Analysieren von beliebigen Stellungen auch direkt ein Ende fand. Soviel also zu der wesentlich interessanteren Stellung. 😉

Bevor ein falscher Eindruck entsteht, möchte ich an dieser Stelle sagen, dass Dorfman ein absoluter Spitzentrainer ist, welcher die meisterhafte Gabe hat, Stellungen zu verstehen. Mit seiner Schachmethode versucht er sein Stellungsverständnis greifbar zu machen und das gelingt ihm auch wirklich gut. Ein Manko ist aber meiner Meinung, dass er seiner Schachmethode zu dogmatisch folgt und praktisch immer versucht, beliebige Stellungen in den Rahmen seiner Schachmethode hinein zu pressen. Zwar gelingt im das immer sehr gut, jedoch wirken die Erklärungen manchmal sehr gekünstelt und passend gemacht. Für einen Schüler der diese Schachmethode lernen will ist es hierbei schon sehr schwere Kost, die viel Zeit zum Verdauen braucht. Unser GM Niclas Huschenbeth hatte im letzten Jahr ebenfalls das Vergnügen, an einem Seminar mit Dorfman teilzunehmen. Er fand die Ansätze der Dorfman-Schachmethode interessant und erhellend, aber so richtig überzeugt wirkte er auf mich nicht.

Ich bin mir sicher, dass das Lernen dieser Schachmethode nur dann funktioniert, wenn man sich von allen Vorurteilen und Zweifeln befreit. Man muss die Schachmethode so nehmen wie sie ist und sollte der Versuchung widerstehen, irgendetwas in dieser Methode in Frage zu stellen. Hier muss man sich immer wieder vor Augen halten, dass dieser Josif Dorfman mit der Weltklasse gearbeitet hat und durch sein Training unglaublich viele Talente groß geworden sind.

Beim Seminar ging es weiter mit gemütlicher Plauderei. Hier erzählte Dorfman interessantes Insiderwissen und lustige Anekdoten. Beispielsweise gab er einen kleinen Einblick, wie GM Boris Gelfand analysiert. Dorfman verabredete sich mal mit ihm, weil er Gelfand eine interessante Idee in einer Eröffnung zeigen wollte. Er freute sich schon, mit Gelfand die Idee zu analysieren und klopfte an seine Tür im Hotel. Gelfand machte auf, gab die Variante in seinen Computer ein und sagte zu Dorfman, dass sie jetzt beide gemütlich Essen gehen werden, anschließend noch etwas spazieren gehen werden er danach einen Blick auf das Ergebnis der Engineanalyse werfen wird. Diese Art der Zusammenarbeit empfand Dorfman gelinde gesagt als ziemlich langweilig.

In höchsten Tönen sprach Dorfman aber über Kasparov. Dieser sprudelte in beim Analysen nur so vor kreativen Ideen und Varianten.

Unschön wurde es, als Dorfman über Kramnik sprach und dabei erwähnte, dass dieser auch mal gerne Trainer unbezahlt ließ.

Mit all den Geschichten könnte man locker eine Seifenoper bis zur zehnten Staffel füllen. Auf die Frage, wer seiner Meinung nach den WM-Kampf zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana gewinnen wird, sagte Dorfman, dass dies ganz klar Carlsen sei. Dieser habe einfach die größte Begabung. Dorfman machte dies auch anhand eines Beispiels deutlich.

Beim Blitzen und beim Schnellschach zählt die Intuition und die Begabung eine besondere Rolle. Hier sieht man am besten, wer eine Stellung rein intuitiv besser und schneller erfassen kann. Carlsen ist hier ein absolutes Ausnahmetalent. Während Carlsen das Wesen einer Stellung sofort erfassen kann, brauchen andere Großmeister einfach länger. Zwar kommt Caruana am Ende zur selben Erkenntnis wie Carlsen, aber es dauert bei ihm einfach länger. Anand war ebenfalls ein absolutes Ausnahmetalent. Genau das ist auch der Grund, warum Topalov um jeden Preis bei der damaligen WM dem Tiebreak aus dem Weg gehen wollte und auch Karjakin gegen Carlsen im Tiebreak eingegangen ist.

Wie soll Caruana in London frei aufspielen, wenn er weiß, dass er im Tiebreak gegen Carlsen keine Chance hat? Beim aktuellen Sinquefield Cup 2018 wurde unter anderem Nakamura gefragt, was Caruana machen muss, um Weltmeister zu werden. Nakamuras direkte Antwort: „Er muss wie ein Computer spielen.

Nachdem Dorfman uns allen sowohl schachlich, als auch hinter der Bühne einen guten Einblick in die Schachwelt gegeben hat, war dieser Seminartag schneller vorbei, als einige von uns es sich gewünscht hatten.

Anmerken möchte ich noch, dass es natürlich auch zwei Bücher von Dorfman gibt, in welchen er seine Schachmethode dem interessierten Publikum aufzeigen möchte. Dies allerdings mit einer solchen Unverständlichkeit, dass das Durcharbeiten schon ordentlich anstrengt. Hier sind die beiden Bücher von Aagaard (Angriffslektionen 1 und Angriffslektionen 2) wesentlich lockerer geschrieben und wesentlich verständlicher. Auch wenn Aagaard nicht direkt auf Dorfman hinweist, merkt man beim Lesen ziemlich schnell, dass die Bücher von Dorfman als Vorlage dienten.

Es folgte noch ein weiterer Tag mit IM Roman Vidonyak, in welchem nochmals gutes Trainingsmaterial gezeigt und vermittelt wurde.

Alle Teilnehmer gingen anschließend wieder zufrieden ihrer Wege. Manch einer hatte mit Hamburg als Heimatort noch eine lange Reise vor sich, aber jeder war der Meinung, dass sich dieses Seminar absolut gelohnt hat.

Für mich war dieses Seminar absolut erfrischend, auch wenn sich der Inhalt zum größten Teil auf das Training im Spitzenschach bezog. Wenn ich hierbei auf meine Jungs und Mädels im Schachcenter blicke, muss ich schmunzeln.

Bis zum nächsten Mal

Euer Benny