Schachtraining – Wer steht besser?

Neben unseren Jungs und Mädels im Verein, welche ausschließlich Freizeit-Schach spielen, trainiere ich auch ambitionierte Schachspieler, welche sich ins Training wirklich reinknien. Um zu testen, wie weit ein Schüler bereits ist, zeige ich im Training gerne folgende Stellung:

Schwarz ist am Zug. Um sich einen Überblick zu verschaffen, gebe ich meinen Schülern 10 Minuten, um anschließend mitzuteilen, welche Seite wohl besser steht.

So gut wie alle Schüler sind bei Ansicht der Stellung der Meinung, dass Weiß besser steht und Schwarz Probleme hat und jeder ist der Meinung, dass Schwarz im besten Fall nicht mehr als Ausgleich hat.

Weiß hat Entwicklungsvorsprung und verfügt offensichtlich über mehr Raum. Gleichzeitig droht er, mit dem Springer den ungedeckten Bauern auf c6 zu nehmen, das die Auswahl der Züge von Schwarz einschränkt. On-Top hat Weiß auch noch die bessere Bauernstruktur.

Auf der Plus-Seite von Schwarz könnte man das Läuferpaar nennen, welches allerdings ziemlich inaktiv ist. Es ist schon ziemlich schwer, an der schwarzen Stellung Gefallen zu finden.

Ich muss zugeben, dass diese Stellung eine harte Nuss ist. Schachspielern läuft es nicht ohne Grund zuwider, sich vom Läuferpaar zu trennen und im vorliegenden Fall würde Weiß auch noch einen gedeckten Freibauern erhalten. Wer sich allerdings intensiv mit den Blockade-Fähigkeiten eines Springers beschäftigt hat, wird die Lösung finden.

1…Lxe5!

Eine tolle Sache! Da muss man schon Einiges an Selbsthass besitzen, um diesen Zug auszuführen. Schließlich gibt Schwarz das Läuferpaar auf und schenkt dem Weißen einen gedeckten Freibauern. Man kann dieses Vorgehen entweder als ziemlich tiefsinnig oder einfach nur dumm bezeichnen.

Ein Zug wie 1…De8 würde zwar das Läuferpaar behalten und den Bauern auf c6 decken, jedoch kommt Weiß anschließend nach 2.Sac4 Le7 3.Te2 gefolgt von Tae1 in Vorteil, indem er die Schwächen auf der e-Linie ausnutzt. 3.Sf3 ist auch ziemlich gut.

2.dxe5

Der Zug 2.fxe5 scheitert an 2…f4 3.Lf2 f3 mit Angriff für Schwarz.

2…c5

Ein ziemlich logischer Zug, da er dem Weißen das Feld d4 verwehrt und gleichzeitig dem verbliebenen schwarzen Läufer gute Aussichten auf dem Feld b7 beschert. 2…g5 ist eine interessante Alternative, um die g-Linie zu öffnen. Allerdings muss Schwarz hier nichts übereilen und zunächst den Läufer auf b7 platzieren. Wie ich auch meiner DVD „Die Russische Schachschule“ bereits vermittelt habe, wäre ein Turm auf der offenen g-Linie gepaart mit einem Läufer auf b7 und der offenen Diagonalen ein tödliches Gespann.

Man beachte diesen wunderschönen Blockadespringer auf e6!

Schauen wir uns nun die vorliegende Stellung an, kommen wir zu folgendem Schluß:

Die e-Linie war ein Schlüsselfaktor des weißen Angriffs und ist nun geschlossen. Die Bauern von Weiß stehen auf der selben Feldfarbe wie der weiße Läufer und grenzen ihn hiermit in der Bewegungsfreiheit ein. Zieht der schwarze Läufer nun auf b7, steht es wohl außer Frage, dass dieser Läufer seinem Gegenstück auf e3 weit überlegen ist. All das sollte dazu führen, dass wir die schwarze Stellung auf einmal recht ansprechend finden. Aber halt! Haben wir da nicht den gedeckten Freibauern von Weiß vergessen? Mitnichten! Dieser Bauer steht auf der e-Linie und wird von dem Springer auf e6 sicher blockiert. Dieser Springer wirkt auch ziemlich zielsicher auf die Felder c5, d4, f4 und g5. Genau dieser Springer wäre ohne den Bauern auf e5 recht labil. So aber wird er sehr gut vom gegnerischen Bauern geschützt 🙂

durch den letzten Zug von Schwarz (2…c5) hat Weiß keinerlei Einbruchsfelder und nicht den Hauch eines Angriffsziels. Ein Bauerndurchbruch steht dem Weißen ebenfalls nicht zur Verfügung. Die schwarzen Figuren sind aktiver als die weißen Figuren und es ist Schwarz, der einen Angriff und Durchbruch mittels g7-g5 einleiten kann.

3.Tad1

Türme gehören ja bekanntlich auf offene Linien. Weiß begnügt sich damit, die einfachen Regeln zu befolgen. Er wird allerdings bald feststellen, dass diese d-Linie eine Straße ist, welche ins Nichts führt.

3…De8

Bringt die Dame in Sicherheit. De7 oder Dh4 sind ebenfalls ganz gut. Hier hatte Schwarz die freie Wahl 🙂

4.Sc4

An dieser Stelle hat Schwarz nun die Wahl zwischen dem Läuferzug nach b7 nebst g7-g5 und dem sofortigen g7-g5 wonach fxg5 mit f4 beantwortet wird und der schwarze Angriff läuft. Beide Möglichkeiten haben ihre Berechtigung. Alle schwarzen Figuren fühlen sich pudelwohl und leiten einen koordinierten Angriff ein.

Es ist schon bemerkenswert, wie man mit wenigen Zügen auf dem Brett die Meinungen seiner Schüler umlenken kann. Angewendet in der Praxis kann dies ziemlich erheiternd sein. Ich erinnere mich sehr gut an meine Partien die ich gegen Klaus Gschwendtner (Um die 2100 DWZ) gespielt und einige davon gewonnen habe und er nach manchen Partien die Welt nicht mehr verstanden hat. Zitat von Klaus: „Das kann doch nicht sein! Ich stehe die ganze Zeit einfach nur gut und wie aus dem Nichts stehe ich schlecht!„.

Wir alle bewerten Stellungen immer nach unseren Erfahrungswerten. Ein Blick reicht und wir finden die Ausgangsstellung (oben) ziemlich gut für Weiß. Wir haben auch die ganzen positiven Aspekte von Weiß in der Ausgangsstellung aufgeführt. Ich bin mir auch sehr sicher, dass wir gegen mittelmäßige Vereinsspieler diese Stellung mit Weiß gewinnen würden, da sich der mittelmäßige Spieler grundsätzlich dagegen wehrt, sein Läuferpaar aufzugeben und hier sogar noch einen gedeckten Freibauern zuzulassen.

Wenn wir im Schach besser werden möchten, müssen wir uns von diesem Mittelmaß befreien und unser Wissen mit den richtigen Motiven ausbauen. In der vorliegenden Stellung ist es unter anderem die richtige Bewertung eines Blockade-Springers.

Ich hoffe, dass dieser kleine Einblick mein Schachtraining Lust auf mehr gemacht hat. 🙂

Bis bald

Euer Benny