Jugend-Europameisterschaft in Riga und ein Österreicher auf Abwegen

Gespannt verfolge ich die Partien der Jugend-Europameisterschaft in Riga. Nicht selten bekommt man gerade von den jüngeren Spielern einige interessante Ideen in Eröffnungen geliefert, welche im Spitzenschach normal nie aufs Brett kommen. Überschattet wurde dieses tolle Event allerdings durch den Betrug(sversuch) eines 13 jährigen Spielers aus Österreich. Während der siebten Runde fand ein Schiedsrichter in der für die Spieler bereitgestellten sanitären Anlage ein Smartphone. Als Besitzer des Gerätes wurde der sehr junge Fidemeister Marc Morgunov ausgemacht.

Ich nehme an, dass die Schiedsrichter sich nach dem Fund auf die Lauer gelegt haben und abwarteten, welcher Spieler während der Partie auf die Toilette geht und nach dem Smartphone suchen wird. Als klar war, das der Besitzer des Corpus Delicti Marc Morgunov ist, lies man die Partie zwischen ihm und dem Fidemeister Tsoi Dmitry weiterlaufen. Recht bald einigten sich die Spieler auf ein Remis. Marc Morgunov wurde nun zusammen mit dem Delegationsleiter in den Schiedsrichterraum gebeten, um zu erklären, warum sein Smartphone auf der Toilette versteckt gewesen sei.

Die Erklärung von Marc Morgunov reichte dem Schiedsgericht wohl aus, um ihn in allen bisher gespielten Runden zu Nullen und, wohl in Absprache mit Bundesjugendtrainer Siegi Baumegger vom ÖSB, von der Meisterschaft auszuschließen. Der Fall wird an die ECU und an die FIDE für weitere Maßnahmen weitergeleitet.

Dieser Fall zeigt sehr gut, mit welcher Problematik wir und heutzutage im Schach beschäftigen müssen. Wobei ich sagen muss, dass es diese Art von Betrug auch schon zu Zeiten ohne Smartphone gab. Ich kann mich noch gut an einen befreundeten Schachspieler erinnern, der vor 12 Jahren während der Pfälzer Einzelmeisterschaft auf dem Gang zur Toilette einen Spickzettel aus der Hosentasche kramte, auf dem er alle möglichen Eröffnungen und Varianten standen. Viel geholfen hat es ihm offensichtlich nicht. Er hatte damals um die 1500-1600 DWZ und auch 12 Jahre später krebst er in diesem Bereich noch herum.

Es ist einfach so, dass es eine gewisse Klientel von Schachspielern gibt, welche Schach aus falschem Anreiz spielt. Das Thema EGO-Zahl hatte ich ja in einem anderen Artikel bereits angeschnitten. Diesen Spielern geht es in erster Linie einfach um Anerkennung und das um jeden Preis. Es ist nicht die Freude am Schachspiel, dass diese Menschen antreibt, sondern die Zahl, welche eine Spielstärke ausdrückt.

Als Trainer treffe ich leider zu häufig auf Schachspieler, die nur die ELO-Zahl im Blick haben. Mit möglichst wenig Training in absolut kurzer Zeit eine hohe ELO. Nicht umsonst sind so Bücher die im Titel „The easy way…“ tragen absolute Bestseller. Man könnte schon fast Mitleid mit diesen Schachspielern haben, welche wohl niemals die Freiheit, das Kreative und die Schönheit des Schachspiels genießen werden.

Wer im Schach betrügt, begibt sich in einen Teufelskreis. Sich eine hohe ELO-Zahl zu ergaunern bedeutet automatisch, dass man auch in Zukunft betrügen muss. Die Zahl will man ja halten/verbessern. Ist man mal an dem Punkt angelangt, an dem die Zahl nicht mal mehr annähernd etwas mit der echten Spielstärke zu tun hat, gibt es praktisch nur noch einen Ausweg > Man wird erwischt. Mit einer Spielstärke im Schnell- und Blitzschach von ~2050 ELO hat sich Marc Morgnunov im Standard-Schach (Langschach) sogar schon eine IM Norm sichern können.

Gut,- Blitzen und Schnellschach sind nicht jedermanns Sache, aber eine Diskrepanz von 300-400 ELO-Punkten ist schon gewaltig.

Wie kann es dazu kommen, dass ein 13 Jähriger zu unerlaubten Mitteln greift? Hier kann man nur spekulieren, aber wenn ich mir die Berichte im Internet über Marc Morgnunov durchlese, finde ich eine Vielzahl von Anerkennungen. Bester U10 Spieler, Siebzehnter in der Weltrangliste seines Jahrgangs, usw.. Der Junge wurde schon in frühester Kindheit für sein Schachtalent in den Himmel gehoben. Jeder seiner Erfolge wurde durch den nächsten Erfolg getoppt. Als Kind und Jugendlicher kann man hierbei sehr schnell den Boden unter den Füßen verlieren. Erfolg macht glücklich!

Der Veranstalter der Jugend-Europameisterschaft in Riga hat die Veranstaltung nach höchsten Standards gegen Betrugsversuche abgesichert. Neben Sicherheitskontrollen beim Betreten des Spielbereichs wurden unter anderem auch Handy-Ortungsgeräte eingesetzt, welche Ausschlagen, wenn ein Handy/Smartphone Signale von sich gibt. Unter welchem Druck muss der Junge gestanden haben, dass er dieses Risiko eingegangen ist?

So sehr man Betrüger im Schach auch hasst, darf man die menschliche Komponente nicht vergessen. Der Junge durchläuft mit seinen gerade mal 13 Jahren den wohl tiefsten Fall, den man sich vorstellen kann. Schachfreunde, welche zu ihm aufgesehen haben, sehen ihn nun mit anderen Augen und wenden sich vielleicht komplett von ihm ab. In den Medien (wie auch hier) wird über den Fall berichtet. Das Internet vergisst nichts! Zudem droht auch von Seiten der FIDE eine empfindliche Strafe. In vergleichbaren Fällen wurden jahrelange Sperren und auch schon lebenslange Sperren verhängt. Auch die Aberkennung von Titeln gab es schon. Strafmildernd könnte aber sein Alter sein.

Ich kann nur an die Vernunft eines jeden Schachspielers appellieren. Spielt Schach, weil ihr Spaß am Schach habt. Ein Magnus Carlsen freut sich mit seinen 28xx ELO nicht mehr über einen Sieg, als ein Sonntagsspieler mit seinen 15xx ELO. Niederlagen sind ärgerlich, aber jede Niederlage ist lehrreicher, als jede gewonnene Partie die ihr in eurem Leben gespielt habt. Im Schach gibt es viel mehr zu entdecken, als die aktuelle ELO-Liste. Befreit euch von dem Zwang alles und immer gewinnen zu müssen. Lasst euch von eurem Umfeld nicht als Siegertypen feiern, sondern als Mensch.

In diesem Sinne

Euer Benny

Hier noch die offizielle Erklärung zum Geschehen als YouTube-Video vom Veranstalter: