Gedanken zur letzten Runde in der B-Klasse Nord

Mit Germering IV erwartet uns am 22.04.208 nochmal ein starker Gegner. Insgesamt verlief unsere erste Saison in den meisten Runden mit viel Pech. Oftmals hat nur ein halber Zähler zum Punkten gefehlt. Dennoch darf man das Gesamtergebnis als gerecht bezeichnen. Das Glück ist mit den Tüchtigen und genau hier müssen wir die Schrauben fester anziehen. Für die Mehrheit unserer Mannschaft sind Liga- und Turnierspiele absolutes Neuland. Hier galt es reinzuschnuppern und die eigenen Grenzen zu finden. Der ein oder andere hatte schon vor der Saison die Angst, der Wahrheit in Form einer unausweichlichen Erst-DWZ ins Gesicht sehen zu müssen. Dreistellig darf diese natürlich nicht sein. Das wäre eine Schmach.

Im Laufe meiner Jahre als Schachtrainer habe ich viele Entwicklungen von Schachspielern erlebt und durfte auch selbst schon die Höhen und Tiefen im Schachsport erleben. Wenn man mit einer neuen Mannschaft an den Start geht, ist natürlich jeder motiviert und alle wollen nach den Sternen greifen. Da wird täglich Taktik trainiert und mit Elan am Schachunterricht teilgenommen. Nach gut einem Jahr trennt sich dann die Spreu vom Weizen und es zeigt sich sehr gut, wer den Willen hat sich durchzubeißen und wer resigniert. Da ist der eine, der mit seiner 1100 Erst-DWZ unzufrieden ist und der Meinung ist, dass diese mindesten 1600 oder gar 1700 sein sollte und der andere, der sich unabhängig von der DWZ einfach nur verbessern möchte.

Die Charaktere von Schachspielern sind vielfältig wie ein Blumenstrauß, aber Eines hat jede dieser Blumen gemein. Wenn man sie nicht gießt, geht sie ein. So wie die Pflanze das Wasser, benötigt der Schachspieler das kontinuierliche Training, um zu blühen. Aber wie viel Training ist für welche DWZ erforderlich? Ich möchte dieser oft gestellten Frage etwas Licht ins Dunkel bringen und beziehe mich auf den typischen Gelegenheits-Schachspieler, der im Freundeskreis ab und zu sein Schachbrett rausholt, ein paar Partien spielt und noch nie einen Fuß in einen Schachverein gesetzt hat.

Diese Frohnatur schlägt normalerweise relativ oft seine Mitstreiter im Freundeskreis (alle ebenfalls keine Vereinsspieler) und ist gefestigt vom Gedanken, es allen Vereinsspielern zu zeigen. Während der durchschnittliche Vereinsspieler im Laufe der Jahre auf seine gut 1500 DWZ kommt, steht der Neuling zunächst im Schnitt bei etwa 1000 DWZ. Für diese Zahl reicht es aus, die Schachregeln zu kennen und zu wissen, wie man mit den vielen Steinchen den Gegner auch matt setzen kann. Dieser letzte Schritt wird von vielen Anfängern gerne unterschätzt. Da hat man dem Gegner eine Figur nach der anderen geklaut und bekommt es einfach nicht hin, diesen verdammten König matt zu setzen. Diesen Dreh haben die meisten aber schnell raus und die 1000 DWZ ist sicher. Wie geht es weiter? Taktiktraining! Das ist das A und O! Aber was nützt die schönste Taktik, wenn man nicht ordentlich aus der Eröffnung kommt und nichts über Eröffnungsprinzipien weiß? Man muss also auch an dieser Baustelle arbeiten. Aber im Gegensatz zu Taktiktraining, ist das richtige Konzept zum Erlernen von Eröffnungen zu finden für einen Anfänger nicht ganz so einfach. Aber dafür gibt es ja Schachtrainer 🙂 , die einem das gerne zeigen. Da geht es ums Zentrum, Springer vor den Läufern entwickeln, den König sichern, Türme zusammen spielen lassen, etc. – Die Grundprinzipien der Eröffnungslehre sind schnell gelernt. Mit diesem Wissen kann man auch ohne Theoriekenntnisse gute Eröffnungszüge am Brett finden.

Damit hat man nun die besten Möglichkeiten, um auf die 1200 DWZ zu steigen. Diese Zahl ist kein Hexenwerk und für jeden innerhalb von ein paar Monaten zu schaffen. Aber auch hier spielt die Disziplin eine große Rolle. Das Taktiktraining bestimmt zu 95%, wie schnell man besser wird. 5-10 Minuten tägliches Lösen von Taktikaufgaben bewirkt wahre Wunder. Und diese 5-10 Minuten hat wirklich jeder von uns. Ob in der Bahn, beim Warten auf Meeting-Teilnehmer oder einfach beim Frühstück. Jeder Tag bietet genügend Möglichkeiten, um seinen Blick für Taktik zu schärfen. Es ist heutzutage mit Apps auf dem Smartphone so einfach wie zu keiner anderen Zeit.

Aber trotz dieser unglaublich einfachen und effektiven Möglichkeit besser zu werden, schaffen es nur die Wenigsten, dieses Minimum an Disziplin aufzubringen. Woran liegt das? Die Antwort ist relativ einfach. Schachtraining wird von vielen Spielern als lästige Notwendigkeit empfunden, um besser zu werden. Bereits hier kann der ein oder andere aber bereits die Notbremse ziehen. Es ist vollkommen egal, wie hart und wie sehr man sich zum Training zwingen muss. Wenn man keinen Spaß am Schachtraining hat und das Trainieren keine Freude bereitet, wird man nicht besser. Den Spaß am Schach kann man nicht erzwingen. Entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht. Hier muss jeder ehrlich zu sich sein. Unzählige Male habe Schachspieler bei mir im Schachcenter kennengelernt, die mir als erstes sagen, dass sie gerne auf 1600, 1700 oder gar auf 2000 DWZ kommen wollen. Der Wille ist immer da, aber die Bereitschaft zu Trainieren schwindet recht schnell. Von Spaß ist da oft nichts zu spüren. Jeder wünscht sich einen schnellen und einfachen Weg, sein Ziel zu erreichen. Am besten nur dasitzen und sich vom Schachtrainer berieseln lassen.

Der Spaß am Schach wird von der Mehrheit der Schachspieler einfach nur aufs Spielen reduziert. Ja! Da kommt Freude auf. Hier eine Blitzpartie und da ein paar Bulletpartien. Training? Langweilig! Zu anstrengend! Kostet zu viel Zeit!

Es gibt nun 2 Wege, wie man von 1200 auf 1400 DWZ kommt. Der Langsame und der schnellere. Wenn man jede Woche beim Vereinsabend Schach spielt, egal ob Blitz, Schnellschach oder Langschach, wird man in 2-4 Jahren auf die stolze Zahl von 1400 DWZ kommen. Auch wenn das Spielen nicht direkt etwas mit Training zu tun hat, lernt der Mensch mehr oder weniger schnell aus seinen Fehlern. Verliert man eine Partie, stellt man sich automatisch die Frage „Warum habe ich verloren?“. Meist wird sich dann eingeredet, dass man einfach mal was übersehen hat. Die Erkenntnis, dass es eventuell doch am Entwicklungsvorsprung des Gegners gelegen hat, gibt es natürlich nicht. Woher auch? Und so dauert es natürlich wesentlich länger, bis irgendwann nach einem Jahr mal der Groschen fällt. Derjenige der mit Spaß trainiert und sich für Dinge wie Entwicklungsvorsprung interessiert, hat diese Hürde natürlich wesentlich schneller geschafft. Wenn man sich die DWZ-Historie von Schachspielern anschaut, findet man viele dieser ewigen 1400/1500er, die alleine durch Spielen jahrelanges an diese Zahl gekommen sind.

Im besten Fall schaffen es diese nicht trainierenden Schachspieler auf etwa 1600 DWZ. Da werden leichte ein- bis dreizügige Matts gefunden, aber auch nicht mehr. Von Figurenkoordination keine Ahnung und in Endspielen das blinde Huhn. Ab etwa 1600 DWZ wird die Erleuchtung beim Spielen am Brett immer dunkler und man kommt einfach nicht weiter. Es werden Eröffnungen ohne Namen gespielt, deren Sinn alleine in der Wiederholung liegt. Hat man schließlich immer so gespielt und wird man auch immer so spielen. Eine Korrektur ist fast nicht mehr möglich, da man einfach festgefahren ist. Lieber etwas Schlechtes spielen das man meint zu kennen, als etwas Unbekanntes das besser ist. Taktiktraining? Neeeeee! Keine Disziplin.

Wer kennt sie nicht, die Schachspieler die immer sagen, dass sie keine Zeit haben? Es wird dann gerne darauf hingewiesen, dass wenn man Schach trainiert, es richtig machen möchte und dann muss man sich ja schließlich viele Stunden am Stück Zeit nehmen. Und die hat man einfach nicht. Ich kann nicht sagen, wie oft ich diesen Schmarrn schon gehört habe. Wenn man dann argumentiert, dass bereits täglich 5-10 Minuten Taktiktraining reicht, um dauerhaft besser zu werden, hat derjenige selbst dafür keine Zeit. Ich glaube man muss die Wörter „keine Zeit“ einfach nur mit „keine Disziplin“ oder „keine Lust“ oder „keinen Spaß“ austauschen, um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen.

Es ist nicht schlimm, wenn man keine Lust auf Schachtraining hat. Aber dann darf man auch nicht der Illusion verfallen, im Schach zügig besser zu werden. Wenn man dann mit 1200 DWZ gegen einen 1600er verliert, darf man sich nicht ärgern. Wenn man einzügig eine Figur einstellt, darf man sich nicht ärgern. Schach wäre schon ein recht unfairer Sport, wenn der „Faule“ (der, der keine Zeit zum Trainieren hat) über den Fleißigen triumphiert.

Mit dieser Aussage werde ich aber nicht allen Schachspielern die nicht besser werden gerecht. Es gibt auch Schachspieler, die sich ans Brett setzen, tatsächlich trainieren und trotzdem nicht besser werden. Wirft man einen Blick auf das was sie trainieren, erkennt man aber recht schnell des Übels Ursache. Da schaut sich der 1200er eine 15-zügige Eröffnungsvariante an und analysiert diese fleißig, gerne auch mit Computer und sogar mit Spaß! Aber genauso, wie man ohne Fundament keine Mauer hochziehen kann, kann ein Schachspieler der in den meisten Fällen bereits nach den ersten 5 Zügen schlecht steht, nicht durch das Analysieren einer 15-zügigen Eröffnungsvariante wesentlich besser werden. Da wird dann einfach die ach so kostbare Zeit verschwendet und trotzdem wird man nicht besser. Aber immerhin! Zumindest hat man sich mit Schach beschäftigt! Wenn man dann trotzdem kein Erfolgserlebnis hat, resigniert man irgendwann. Schließlich hat man ja ganz viel trainiert und wie kann es dann sein, dass man nicht besser wird?

Für alle Schachspieler habe ich aber auch eine gute Nachricht. Egal, auf welchem Level man Schach spielt. Ein 1200er freut sich mit Sicherheit nicht weniger über einen Sieg, als ein 2800er. Schach macht auf jedem Level Spaß! Aber nur solange man nicht denkt, dass man sich eine hohe DWZ zum Geburtstag wünschen kann.

Abschließend möchte ich den starken Schachspieler Sebastian Finsterwalder vom Gautinger SC zitieren, der mal zu mir sagte: „Hab einfach Spaß am Schach und Freude am Training! Dann kommt die Zahl automatisch!„. 🙂

In diesem Sinne

Euer Benny

 

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