Braingames 2019 in Fürstenfeldbruck

Auch dieses Jahr waren einige unserer Schachfreunde Topschach bei den Braingames in Fürstenfeldbruck vertreten. Dieses Schnellschachturnier gehört zu den immer noch wenigen Schnellschachturnieren, welches FIDE-ELO-ausgewertet wird. Eine ELO im Schnellschach 🙂 Hat nicht jeder.

Bevor es los ging, mussten natürlich noch alte Bekannte begrüßt werden. Unter anderem war auch der unverwüstliche Dieter Koch dabei. Ein furchtloser Angriffsspieler, der seine Gegner gerne mit seinem Kamikaze-Stil überrumpelt.

Dieter Koch Braingames 2019

Dieter Koch (links), NN* (rechts)                   
*kann in diesem Fall auch mit Normal Null übersetzt werden. 😛

Auch dieses Mal waren die Braingames voller Anekdoten. Soweit mir bekannt, gab es keine Zwischenfälle in welche einer der drei Schiedsrichter (ISR Hans Brugger, FSR Tobias Stempfle und NSR Thomas Sörgel) hätte eingreifen müssen. In der ersten Runde wurde ich mit den weißen Steinen gegen Burdalev Kirill, einem FIDE-Meister aus Tschechien, gelost, der in der Startrangliste auf Platz 6 führt wurde. Hartes Brot dachte ich und führte die ersten Züge auf dem Brett aus. Ich wählte eine Nebenvariante im Spanier und merkte recht schnell, dass mein Gegner nicht ganz auf der Höhe der aktuellen Theorie dieser Variante war und bot ihm einen vergifteten Bauern auf der f-Linie an. Optisch sah so aus, als ob Schwarz danach alles in seiner Hand hat, aber nur wenige Züge später entpuppte sich die schwarze Stellung als ziemlich unbequem, während das weiße Spiel klar auf den vollen Punkt abzielte. Ziemlich geschickt umging mein Gegner allerdings alle gefährlichen Klippen und wir fanden uns in einem Schwerfiguren-Endspiel wieder, welches für beide Seiten innerhalb der Remisbreite lag. Ein Turm-Eisteller von mir beendete allerdings nicht nur meinen Punktetraum, sondern auch direkt die Partie. Ich reichte meinem Gegner die Hand zur Aufgabe. Diese Partie ist ein gutes Beispiel dafür, warum mein Gegner ein FIDE-Meister ist und ich nicht. 🙂 Das beste Wissen über Eröffnungen und deren Varianten bringt am Brett gegen starke Spieler recht wenig, wenn die praktische Spielstärke und die Konzentration nicht dauerhaft abgerufen werden können. Zu selten spiele ich Turniere und es fehlt hier einfach die notwendige Praxis, um auf diesem Niveau zu bestehen. Trotzdem war ich mit dieser Partie zufrieden, da ich diese Nebenvariante im Spanier nun auch mal gegen einen starken Spieler testen konnte.

In Runde 2 bekam ich einen Gegner mittlerer Spielstärke zugelost. Die schwarzen Steine führend, befragte mich mein Gegner mit 1.c4. Gut so 🙂 Gegen 1.c4 hatte ich ja vor vielen Jahren zusammen mit GM Roman Dzindzichashvili ein komplettes System für Schwarz entwickelt, welches ich für meinen B-Trainerschein nochmals ausgearbeitet habe. Das die 08/15-Standardpläne für Weiß in diesem System nicht wirklich funktionieren, hat mein Gegner erst spät bemerkt und befand sich mit seinem König in einer ziemlich prekären Lage. Aber auch meine Lage war nicht gerade angenehm. Damit meine ich nicht die Lage auf dem Schachbrett, sondern die Lage der hinter mir sitzenden Person. Ein alter Bekannter vom SC Starnberg, der nichts Besseres zu tun hatte, als auf seinem Stuhl herum zu wippen und dabei ständig gegen die Nachbarstühle zu klappern. Ich glaube noch nicht einmal, dass er das mit Absicht machte. Manche Schachspieler denken nicht weiter als ihr rechter Arm greifen kann. Gerade Spieler des SC Starnberg würden sich wohl hervorragend als Probanden für eine Studie zu Störungen im Sozialverhalten eignen. Ich versuchte diesen Zappelphilipp zu ignorieren. Zufrieden mit dem Ausgang der Eröffnungsphase wollte ich wieder mal zu schnell zu viel und gab meinem Gegner damit enormes Gegenspiel. Ich behielt die Übersicht und konnte den Laden gerade so zusammen halten, was mich aber Unmengen an Zeit kostete. Unsere beiden Könige standen Blank und unerbittlich schoben wir uns gegenseitig taktische Drohungen zu. Nachdem ich es dann tatsächlich geschafft habe, meinem Gegner Schritt für Schritt Material abzuknöpfen, warf ich mit nur noch 5 Sekunden auf der Uhr die Partie einzügig weg. Ziemlich ärgerlich! Ich gratulierte meinem Gegner und wünschte ihm auch weiterhin viel Erfolg. Im Nachhinein muss ich sagen, dass er mich schon ziemlich gut ausgekontert hat und erst gegen Ende anfing zu schlittern. Mein Zeitmanagement war eine einzige Katastrophe. Qualitativ war mein Spiel nach der Eröffnung nicht mehr wert, als eine Kaffeehaus-Partie.

In der dritten Runde sollte es noch schlimmer kommen. Ihr ahnt es wohl bereits. Wieder einmal hatte ich nach der Eröffnung alles was man sich mit den weißen Steinen wünschen konnte. Meine Figuren fraßen sich förmlich durch die Stellung meines Gegners und es roch nach Matt. Der schwarze König war umzingelt von grimmig dreinschauenden weißen Figuren und ich suchte verzweifelt nach der Kombination, welche meinem Gegner das Garaus machen wird. Anstatt den entscheidenden Dolchstoß zu finden, fand ich mich selbst wieder in höchster Zeitnot. Na gut, dachte ich, dann nehme ich halt nen Bauern mit und wickel in ein Endspiel ab. Diese Abwicklung war allerdings so unvorteilhaft, dass mehr als ein Remis definitiv nicht möglich war. Mit nur noch 20 Sekunden auf der Uhr war aber auch das nicht mehr als ein Wunschtraum. Jetzt ging die Hackerei los. Bevor ich es schaffte, bis zum beidseitig blanken König auf dem Brett alles was nicht niet und nagelfest war zu entfernen, fiel mein Blättchen. Aua 🙂

Es gibt Situationen, bei denen man mit Null aus Drei leben kann. Die Vorliegende gehört nicht dazu. Da hilft es auch nicht, wenn ein 1100er zu mir kommt und sagt, dass er auch noch keine Punkte hat. Im Ergebnis gleich, aber im Anspruch verschieden. Meine Gegner waren in den entscheidenden Momenten einfach mehr auf der Höhe des Geschehens. Für ein Comeback ist nicht mehr viel Zeit.

Die vierte Runde bescherte mir ein ziemlich undankbares Los. Ich musste gegen meine Vereinskollegin Sandy ran. Wenn man mit Menschen aus dem inneren Zirkel auf einem Turnier die Klingen kreuzt, gibt es diese innere Blockade, dass man sich gegenseitig eher ungern Punkte wegnimmt. Mein Spiel war von Beginn an auf Remis ausgelegt. Aber bevor mir dieses Kunststück gelang, gab Sandy die Partie in einem für mich besseren Endspiel auf. Juhuu! Mein erster Punkt. Von Zufriedenheit allerdings keine Spur.

Werde ich es schaffen, in diesem Turnier auch nur eine Partie zu gewinnen, in welcher ich von Anfang bis Ende halbwegs gutes Schach spiele? Ich versuchte es in Runde 5. Ein 1300er wählte mit den schwarzen Steinen die Sizilianische Verteidigung und fiel nach wenigen Zügen auf einen Eröffnungstrick einer Nebenvariante herein, auf welchen schon 2100er sehr schnell rot angelaufen sind. Zwei Bauern und ein nicht mehr zur Rochade berechtigter König kostete meinen Gegner diese Unachtsamkeit. Wieder umzingelte ich mit meinen Figuren den gegnerischen König und suchte die Entscheidung. Das Einzige was in dieser für Weiß hübschen Stellung aber voran ging, war meine Zeit. Nicht noch einmal wollte ich mich im Gestrüpp der Varianten verlieren und sagte mir, dass ich mit zwei Mehrbauern und einem Zeitvorteil ins Endspiel abwickeln und die Entscheidung suchen werde. Gesagt, getan! Hierbei gelang es mir dann auch noch, einen weiteren Bauern meines Gegners einzusammeln. Von Blindheit geschlagen, lief es mir dann plötzlich kalt über den Rücken. Was habe ich denn nun wieder angestellt? Ungläubig blickte ich aufs Brett und erkannte erst jetzt, dass ich in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern abgewickelt habe. Das kann doch alles nicht wahr sein! Mittlerweile war ich nicht mehr genervt von meinem Spiel, sondern amüsierte mich darüber, auf wie viel unterschiedliche Arten man eine Partie doch wegschmeißen konnte. Das ich in dieser Stellung wesentlich mehr Zeit als mein Gegner auf der Uhr hatte, setzte dem Ganzen dann auch noch die Krone auf 🙂 Anstatt mich aber meinem Schicksal zu beugen, packte mich nun der Ehrgeiz. Mein Gegner war in höchster Zeitnot und wenn ich hier noch den ganzen Punkt einheimsen will, dann nur über die Zeit. Meinem Gegner ging es nur noch darum, in den Remishafen einzufahren und er opferte seinen Läufer für meine letzten Bauern. Es kam zu folgender Stellung:

Diabolisch dachte ich mir 😀 – Anstatt den letzten Bauern von Schwarz zu nehmen, zog ich meinen Läufer auf der Diagonalen und entfernte meinen König vom gegnerischen Bauern. Mein Gegner hatte nur noch 8 Sekunden und zog hastig seinen König umher. 3,2,1 und Null! Den Fair-Play-Preis habe ich mit dieser Aktion mit Sicherheit nicht verdient, aber genauso wie meine Gegner aus den ersten drei Runden, wollte diesmal ich den vollen Punkt unbedingt mitnehmen. Typischerweise sind die Bretter an denen es hektisch zugeht, immer von diversen Kiebitzen umgeben. Mein Brett war keine Ausnahme und es dauerte nicht lange, bis der erste Kiebitz meinte, dass mein Gegner auf Remis hätte reklamieren können, da ich nicht genug Material zum Matt setzen habe. Ebenfalls ziemlich typisch ist, dass gerade die Schachspieler am lautesten ihr Nichtwissen offenbaren, die keinerlei Ahnung von den Feinheiten und Regeln im Schach besitzen. In der vorliegenden Stellung kann Weiß sehr wohl noch matt setzen, wie ich anhand folgender Stellung aufzeigte:

Hierbei ist es völlig irrelevant, wie wahrscheinlich der Gegner sich auf diese Art matt setzen lassen würde. Wichtig ist hierbei lediglich die Tatsache, dass es möglich ist. Auf dem Brett ist noch genug Material vorhanden. Lediglich auf Grund von einem mit normalen Mitteln nicht zu erreichendem Matt, wäre eine Reklamation möglich gewesen. Hier hätte der Schiedsrichter nach der Reklamation noch ein paar Züge zugeschaut, was ebenfalls zum Blättchenfall geführt hätte. Zufrieden macht ein Sieg durch das Anwenden solcher Mittel natürlich nicht. Einmal mehr habe ich durch fahrlässiges Spiel die angesammelten Vorteile aus der Hand gegeben. Was war nur los? Bei unseren Vereinsabenden liefere ich beim Blitzen gegen Spieler mit Meisterniveau schönes und kreatives Schach ab. Bei den diesjährigen Braingames fehlt nach erfolgreicher Eröffnungsbehandlung der Biss. Es fehlt die Leichtigkeit! Ich nahm mir vor, das Turnier zu vergessen und einfach ohne Druck, Spaß am Schach zu haben. Bis zum Ende spielte ich die letzten Runden wie ausgewechselt und holte noch genügend Punkte, um das Turnier halbwegs versönlich abzuschließen.

Zwischen dem Blitzen beim Vereinsabend und dem Spielen eines Turniers besteht ein himmelweiter Unterschied. Mir fehlt es eindeutig an Turniererfahrung. Die Einstellung mit welcher ich dieses Schnellschachturnier am Anfang spielte, war schlicht falsch. Die Mehrzahl meiner Gegner waren mir in dieser Hinsicht haushoch überlegen. Diese spielten einfach Schach.

Die Spielbedingungen des Turniers waren sehr gut und man kann den Veranstalter für den reibungslosen Ablauf auf jeden Fall loben. Im nächsten Jahr sind die Schachfreunde Topschach wieder dabei und dann werden die Karten neu gemischt. 🙂

Bis bald

Euer Benny