Bericht von Wernigerode 2019

Cup der Deutschen

Hoffnung auf den Pott Einheit 2019

von André

Vom 1.bis 6.Oktober 2019 fand nun bereits zum 10.Mal das Turnier „Cup der Deutschen Einheit“ in Wernigerode im Harz statt. In 12 Klassen sollte um den jeweiligen Klassen-Pokal gespielt und gekämpft werden. Unser Mitglied André nahm die Herausforderung an und machte sich auf den Weg nach Wernigerode.

Aller Anfang ist schwer… besonders wenn man am Tag der Anreise bereits nachts um 2 von Sirenen aus dem Schlaf gerissen wird und dann nicht mehr einschläft. Dann um 7 Uhr aufstehen, damit man ab 8 Uhr die 580km nach Wernigerode fahren kann um dann dort am selben Tag noch eine Turnierpartie zu spielen. Needless to say, es endete zugunsten eines 13-jährigen Jungen, der sich selbst bei eindeutig guten Zügen zu seinem Vorteil schwer tat sie auszuführen. Ich übersah einfachste Drohungen und tauschte Figuren mit Verlust.

Im 29.Zug gab ich auf.

Neuer Tag neues Glück. Ich trat mit Weiß gegen seinen Großvater an. Wie es schien war die Familie angereist, nur spielte der Vater bei den 1700ern. Es kam ein Spanier mit der Cordel-Variante aufs Brett, durch Zugumstellung zur Berliner Verteidigung/Beverwijk Variante. Es lief schon wesentlich besser, doch morgens um 09:30 ist trotzdem hart und Müdigkeit hilft nicht. Im 31.Zug war ich dann zu gierig, hab anstatt meinen Läufer nach a5 zu retten seinen Bauern auf a6 geschlagen und entschärfte somit meinen Angriff.

Nach einigen hin-und-her Zügen mit Turm und König einigten wir uns auf Remis. Immerhin.

Dritter Tag, endlich ein anderer Nachname als Gegner. Doch heute ist die Doppelrunde und es lief hervorragend! Mein Gegner spielte Giuoco Piano mit c3 und d3. Im 11. Zug spielte er Springer g5 und es sah schon ziemlich fragwürdig aus. Mit Hilfe der Fesselung seines e4 Bauern gelang mir eine gute Taktik und ich gewann seinen Läufer und einen Bauern.

Ich zog es mit zwei Freibauern zu Ende und setzte ihn mit der Umwandlung des f-Bauern … Patt!

Das sollte nicht mein Turnier werden…  Ich spürte wieviel Frust ein Turnier-Schachspieler ertragen können muss um danach immer noch an sich selbst oder wen auch immer zu glauben! Wie kann man am Brett nur so einschlafen? Manchmal ist die Kontrolle der eigenen Emotionen wesentlich schwerer als die Stellung auf dem Brett.

Egal, heute ist Doppelrunde. Ich spielte Weiß und mein Gegner Skandinavisch. Ok, dann halt so. Ich erspielte einen kleinen positionellen Vorteil und verspielte ihn wieder, und so ging es bergab mit der Stellungsbewertung. Er erspielte sich je einen Freibauern auf je einer Seite des Brettes und hatte danach sogar 2 verbundene Freibauern auf der Damenseite, doch verspielte beide gegen meinen Springer, der dabei drauf ging. Aber das war es wert. So ging es weiter bis mein Gegner im 54.Zug mit einer Stockfish-Wertung von -62 besser stand. Doch g6 … sah er nicht. Ich räumte seine verbleibenden Bauern bis auf einen mit dem König ab und wir wandelten beide je einen Bauern in Damen um und machten Remis! Was – ein – Krimi! Um das nachvollziehen zu können stell ich hier mal die ganze Partie rein:

Vierter Tag. Zum Glück nur eine Partie, aber 09:30 ist echt nicht meine Zeit! Am Tag zuvor hatte ich auf die Partienotation meiner Sitznachbarin geschielt und gesehen, dass ihr Gegner d4-c4-Sc3 spielt. Wie es das Schicksal wollte bekam ich heute diesen als Gegner. Also bereitete ich mich auf Nimzo-Indisch vor. Voilà … und es kam aufs Brett. Er wählte ab da die Leningrad Variante und ich entschied mich demnächst nochmal etwas tiefergehend damit zu beschäftigen (bisher bekam ich Varianten wie Sämisch oder Ld2). Er erspielte einen kleinen Vorteil und verspielte ihn. Dann erspielte ich einen kleinen Vorteil, und verspielte ihn. Die Waagschalen wogen hin und her. Er machte einen positionellen Fehler und ich hatte nicht genug Erfahrung diesen zu verwerten.

Am Ende war ich müde und ging wiedermal auf Remis ein.

Fünfter Tag. Ich spielte nun ein zweites Mal hintereinander Schwarz und mein Gegner d4 und Lf4. Hatte ich schon gesagt wie sehr ich London hasse? Egal… Es wird gegessen was auf den Tisch und gespielt was aufs Brett kommt. Mein Gegner spielte seinen Springer von f3 nach h4 und es sah schon komisch aus. Infolgedessen öffnete er die f- und ich die h-Linie und so griff er mit Schwerfiguren auf der Königseite an und ich kam nicht zum rochieren. Eine echt unangenehme Situation und ich fand mich wehmütig damit ab mich bis auf die Knochen verteidigen zu müssen, was das Holz hergibt! Nach einigem Überlegen nahm ich sogar den König als Verteidigungsfigur hinzu und spielte meine Dame in die Offensive. Er bot mit Dh5+ Damentausch an und entschärfte damit seinen Angriff. Durchatmen! Ich konnte meine Türme aktivieren, auf die offene f-Linie stellen und noch einen davon abtauschen und nun sah es gar nicht mal so schlecht aus. Schon wieder so ein Krimi! Nach einem desolaten Fehlzug seines Königs gewann ich seinen zweiten Turm gegen meinen Läufer und hatte nun einen Freibauern, den er aufgrund einer weiteren Gabel nicht mit dem König nahm. Der Bauer promovierte auf c1. Er nahm mit seinem König noch meinen Springer vom Brett, ich zog die Dame und er gab auf.

Erst zurück auf dem Hotelzimmer fiel mir auf, dass ich mit Dc6 das Matt in 1 übersehen hab! Facepalm! Ich glaubs nicht…! Der Schmerz sitzt mittlerweile schon sehr tief! Trotzdem konnte ich mich endlich mal überschwänglich über den Punkt freuen!

Sechster Tag, letzte Partie. Jetzt kommt der Witz… Ich hatte meinen Gegner vorab im Internet gegoogelt und ein Foto von 2015 gefunden, auf dem er Schwarz spielt, so wie er es in meiner nächsten Partie tun sollte. Auf dem Foto waren die ersten 2 Züge zu sehen: 1.e4 e6 2.d4 d5. Ich bereitete mich auf Französisch vor und wählte vorab Tarrasch. Allein weil’s interessant ist. Es kam wies kommen sollte:  1.e4 e6. Ich dachte nur YES!!! Und freute mich über Tarrasch. Im neunten Zug schlug er mit cxd4 meinen d4 Bauern raus und kam dann mit seiner Dame auf b6 und dem anrückenden a-Bauern hinterher. Nun, all das ist zu verteidigen. Ich lenkte mit ein paar Mattdrohungen ab. Er tauschte seinen Springer gegen meinen Läufer und vergrub die Dame auf a7 (?). Er verschwendete ab da viel Zeit mit Bauernzügen auf der Damenseite und gab mir Zeit einen Angriff auf seinen König zu planen. Nur zwei Züge später war es soweit. Meine Dame auf h6, Springer auf g5, abgetauscht und mit dem Läufer hinterher, gestützt mit einem Zentrumsbauern. Die Türme verdoppelt und er sah kein Land, geschweige denn irgendwelche sinnvollen Felder für seine Figuren mehr. Ich dafür wie er mir im 30.Zug die Hand reichte.

Ich war durch. Das war echt viel Aufregung für 6 Tage. Zeit für ein Fazit:

  • 1200er spielen manchmal ziemlichen Müll. Machen langsame oder fragwürdige Züge, entschärfen ihre eigenen Angriffe und ziehen mitunter eine verlorene Partie bis zum Matt in der (berechtigten!) Hoffnung doch noch Remis machen zu können. (Weiß ich, weil ich selbst einer bin 😉 )
  • 1200er zu besiegen ist leicht möglich, wenn man nur genug aufpasst. (Weiß ich, weil ich selbst einer bin 😉 )
  • Emotion ist der größte Feind. Und er steckt in einem selbst. Das Selbstvertrauen ebenso.
  • Charakteristisch sind meine Partien in der sonderbaren Art und Weise, das der Gegner angreift, er seinen Angriff entschärft und ich dann mit Gegenangriff komme, der ihn überrollt. In den letzten beiden Partien hat es wunderbar funktioniert. Ich hab viel Zeit investiert gründlich nachzudenken. Am Ende der Partie hat mein Gegner die Zeit gebraucht.

Bis zum nächsten Mal, Euer André